ich möchte euch heute erzählen, wie das Retreat für mich war und was ich daraus gelernt habe.
Ich weiß, dass dies meine ganz persönliche eigene Erfahrung ist und dass ich meine ganz eigenen Schlüsse daraus ziehe, und ich bin so neugierig, wie das bei euch ist, wie ihr es erlebt und was ihr aus alledem herauszieht. Aber erst erzähle ich euch meine Gedanken.
Zuerst noch ein paar Gedanken zu dem, was ich glaube, das uns alle verbindet.
Wenn wir auf die Welt kommen, dann findet an irgendeinem Punkt – bei der Befruchtung oder bei der Geburt oder sonst irgendwann – eine Trennung statt. Eine Trennung von dem, aus dem wir kommen, von Gott oder wie man es nennen möchte. Es ist unweigerlich so, dass wir zu Materie werden und uns getrennt fühlen. Wie wir mit diesem Schmerz umgehen, wie wir ihn versuchen zu verarbeiten und uns vor ihm zu schützen, finden wir im Enneagramm. Es gibt neun Grundarten, wie wir damit umgehen. Alle sind unterschiedlich, aber haben das eine gemeinsam: Es ist ein Mechanismus, der uns vor diesem einen Schmerz schützt.
Und jetzt wachsen wir auf, und mit diesem Mechanismus, den unser Verstand übernimmt, gehen wir durchs Leben. Dann kommt irgendein anderer Schmerz dazu, und wir sprechen ihn nicht aus, und er versinkt in uns und fängt an zu gären. Dann kommt eine Freude in uns hoch, und unser Mechanismus lässt sie nicht aussprechen, und auch diese Freude versinkt in uns und gärt. Und dann beginnt der Teufelskreis von klein auf. Die Dinge sammeln sich an und verhindern immer mehr, dass wir uns zeigen mit dem, was ist. Es vergärt immer mehr in uns, und unser Verstand ist immer mehr damit beschäftigt, das System aufrechtzuerhalten – mit immer neuen Strategien und immer neuen Lösungsversuchen.
Bei einem Retreat haben wir dann die Möglichkeit, diesen angesammelten Müll auszusprechen. Erst die Dinge, die wir von uns kennen, und dann geht es immer tiefer. Dann kommen die Dinge, die wir kennen, aber noch nicht ausgesprochen haben, dann kommen die Dinge, an die wir uns gar nicht mehr erinnert haben, und es geht immer tiefer. Und wie wir alle wissen, erfordert es immer größeren Mut, die Dinge zu sagen, die da sind – oder sie zu zeigen oder zu schreien und zu weinen und zu lachen. Es gibt keinen anderen Weg als diesen: immer tiefer und immer mutiger in einer immer vertrauteren Umgebung.
Da wir nicht wissen, was in uns ist, weil wir es so verdrängt haben, können wir auch nicht wissen, wie es uns ständig davon abhält, wir selbst zu sein. Bei mir gab es zum Schluss nur noch zwei Dinge, die ich nicht in einer Dyade gesagt habe. Die habe ich dann bei einem Spaziergang, als ein so schöner, starker Wind ging, laut dem Wind erzählt, damit er es in die Welt trägt. Und dann, als ich alles gegeben hatte, schenkte mir Gott (Name Teilnehmerin), die mich an diesen Urschmerz heranführte. Es passiert ganz unweigerlich, dass es dahin kommt, wenn alles andere ausgesprochen wurde. So schnell wie die Dinge in uns entstanden sind, so schnell verschwinden sie wieder, wenn sie ausgesprochen werden. Und dann beginnen Dinge, die wir nicht mehr verstehen, denen wir uns nur hingeben können – ganz allein und nackt.
Und dann kann es geschehen, dass wir das in jeder Faser unseres Körpers erfahren, was wir eh schon immer wussten: dass wir nicht getrennt sind von Gott, sondern dass wir alle eins sind.
Und wenn sich dieser Schmerz auflöst, dann sind wir in Frieden. Von da an ist das Leben das gleiche wie vorher, aber nichts erinnert uns an unseren Schmerz, und wir sind so, wie wir sind. Ständig kommen angenehme und unangenehme Dinge auf uns zu, aber wir spüren sie so echt und pur, und wir müssen ihnen nicht mehr ausweichen. Es gibt gar keinen Grund mehr dazu.
Dann staut sich nichts mehr an, und nichts vergärt mehr.
Und da es nur diesen einen Weg gibt – oder ich nur diesen einen Weg kenne – freue ich mich sehr auf das nächste Retreat, um mit der Bereitschaft, alles zu geben und auch dafür zu sterben, weiterzugehen.
Vielleicht wisst ihr das schon alles, was ich aufgeschrieben habe, oder seht es ganz anders. Wie auch immer, ich wollte es euch aufschreiben, damit ich es für mich nicht vergesse. Und es ist viel schöner, es euch zu erzählen, als es in den Wind zu rufen.
Liebe Grüße
(Teilnehmer)
Jetzt saß ich gerade auf dem Balkon, und ich komme mir vor wie der junge Mann, der gerade aus seiner Pubertät heraus ist, die Welt neu entdeckt und es gleich laut rausposaunt. Auch wenn ich in einem Jahr sagen werde, wie süß und unbedarft und noch so halbreif ich damals war, dann ist mir das jetzt egal – ich bin eben so, wie ich bin, und freue mich daran.